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Selbstverletzendes Verhalten

Darunter versteht man ein Symptom, das bei Jugendlichen und jungen Menschen seit Beginn der 1990er-Jahre immer öfter beobachtet wird und das starke Bestürzung auslöst - nämlich die Selbstverletzung mittels Rasierklingen, Messern, Scheren, Nadeln und ähnlichem. Damit wird die Haut aufgeritzt oder aufgeschnitten, bis Blut austritt bzw. eine Wunde klafft. Die Narben als Wundmale werden meist verdeckt, manchmal auch immer wieder aufgeritzt, bis schwere Entzündungen und Hautkrankheiten entstehen.

Während verschiedene Arten der Selbstverstümmelung schon immer verübt wurden (so zum Beispiel unter Soldaten, um einen Kriegseinsatz zu vermeiden, oder bei schweren psychiatrischen Erkrankungen - wie das berühmte Beispiel des Malers van Gogh, der sich ein Ohr abgeschnitten hat), ist diese Art der Selbstverletzung bei Jugendlichen ein relativ neues Phänomen, das zumindest erst neuerdings ins Blickfeld rückt.

Medizin und Psychologie sehen darin keine Krankheit, sondern ein Symptom für schwere seelische Belastungen, die sich in unerträglicher innerer Leere und Spannungszuständen, Trauer, Hass und Selbsthass äußern und für die ein Ventil gesucht wird.

Es scheint festzustehen, dass sich dahinter keine Selbsttötungsabsicht verbirgt, sondern betroffene Jugendliche sprechen von diesem Schmerzzufügen als "sich selbst ein Gefühl machen, mit dem ich umgehen kann" und als "ein Zeichen, dass ich nicht tot bin".

Warum fügen sich Jugendliche selbst Verletzungen zu?
Was können Eltern tun?
Wie können Therapien helfen?

Warum fügen sich Jugendliche selbst Verletzungen zu?

Das selbst verletzende Verhalten ist ein Hilferuf, hinter dem sich traumatische Erfahrungen wie sexueller Missbrauch, körperliche und seelische Gewalt und - durch inneren Rückzug - große Einsamkeit verbergen können.

Aber nicht alle Missbrauchsopfer verletzten sich selbst, wie umgekehrt nicht alle Betroffenen Missbrauchsopfer sind. Bei vielen ist es auch die Erfahrung der Vernachlässigung, der Mangel an Zuwendung und Wertschätzung, was dazu führt, sich selbst für das vermeintliche Versagen zu bestrafen oder sich erst durch Schmerzen spüren zu können.

Es sind hauptsächlich Mädchen, die sich das antun bzw. durch den hohen Nachahmungseffekt dafür anfällig sind.

Jungen reagieren eher mit Wutausbrüchen, die sie nach außen ausleben und damit eher andere als sich selbst schädigen.

Wenn Hilfe ausbleibt, kann dieses Verhalten zur Gewohnheit werden, sich verselbstständigen und zu starker Gefühlskälte und Abkapselung führen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Selbstverletzung aus Scham heimlich praktiziert und durch die Kleidung versteckt wird.

Sie beginnt meist im Zusammenhang mit der Pubertät und kann bis ins Erwachsenenalter andauern.

Was können Eltern tun?

Wenn Eltern bei ihrem Kind die beschriebenen oder ähnliche Symptome entdecken, fühlen sich diese meist hilflos: Wie reagiert man angemessen auf die schockierende Entdeckung, dass das eigene Kind seinen Körper schwer misshandelt?

Wichtig ist dann, dass Sie nicht mit Panik, Vorwürfen oder Drohungen reagieren bzw. das Verhalten im Sinne von "verrückt" oder "krank" bewerten, sondern Ihrem Kind zeigen, dass Sie es ernst nehmen, sich um es sorgen und ihm helfen wollen.

Selbst wenn Ihr Kind "dicht" macht und nicht gesprächsbereit ist, können Sie ihm diese Zuwendung in einem persönlichen Brief zusichern.

Sie können es fragen, woher das Verhalten kommt und was Sie dazu beitragen können, dass es seine Probleme weniger selbst schädigend verarbeitet bzw. dass die Ursachen für das Verhalten angegangen werden können.

Abgesehen von schweren Missbrauchsfällen, bei denen das Grundvertrauen zwischen Kind und Eltern zerstört ist, wünschen sich die meisten der betroffenen Jugendlichen mehr Beachtung, Zeit, Anteilnahme und Anerkennung von den Eltern und dass sie sich für ihre Sorgen interessieren, ihnen mit Verständnis, Vertrauen und Unterstützung begegnen.

Auch wenn Sie sich in dieser Situation verstärkt um Ihr Kind bemühen, wird sich das Verhalten in der Regel nicht sofort ändern, sondern es bedarf der Geduld und Stetigkeit in der Zuwendung, um das Gleichgewicht in der Beziehung wieder aufzubauen, wie es folgendes Zitat einer jungen Frau beschreibt: "Es ist wie eine Sucht, die man mithilfe von Therapien und mit viel Liebe und Zeit beheben kann. Angehörige müssen wissen, dass man nicht eklig ist, wenn man es macht! Dass man Liebe und Geborgenheit braucht, keine Vorwürfe. Sie dürfen nicht in Panik ausbrechen, sondern müssen helfen!"

Wenn Sie sich in dieser Situation überfordert fühlen, ist es ratsam, sich in einer Erziehungsberatungsstelle Hilfe zu holen.

Inzwischen haben Betroffene in verschiedenen Orten auch Selbsthilfegruppen aufgebaut, oder zum Beispiel auch im Internet, wo sie sich mittels Chats über ihre Probleme austauschen und sich gegenseitig Tipps für Hilfen geben.

Wie können Therapien helfen?

Bei fortwährender Selbstverletzung ist therapeutische Hilfe notwendig - oft zunächst stationär mit anschließender ambulanter Behandlung.

Diese (Verhaltens-)Therapie hat zum Ziel, dass Konflikte nicht mit dem Körper ausgetragen werden, sondern mit sich selbst und in der Familie.

Der erste Schritt ist dabei, die Verletzungen so lange wie möglich hinauszuzögern und die inneren Spannungen durch "harmlosere" Ersatzhandlungen, zum Beispiel Eiswürfel auf die Haut pressen oder in eine Chilischote beißen, abzubauen.

Ein Therapeut beschreibt diesen Prozess folgendermaßen: "Sie hangeln sich in der Behandlung schrittweise von gefährlichen zu ein bisschen weniger gefährlichen Situationen. Wenn sie sich vorher täglich geschnitten haben und es dann vier Tage lang schaffen, es nicht zu tun: Das ist schon ein Erfolg!"

Wenn sich das neue Verhalten durch verschiedene Lernschritte stabilisiert hat, geht es in der Therapie darum, die zugrunde liegenden Konflikte zusammen mit den Angehörigen zu besprechen und auch hier nach konstruktiven und tragfähigen Lösungen zu suchen.

Selbst wenn es sich dabei wahrscheinlich um einen für alle Beteiligten zunächst schmerzhaften Prozess handelt, können Sie sich als Eltern, aber auch die Geschwister, durch eine voraussichtliche Verbesserung in den familiären Beziehungen entlasten.